Im Oktober starteten Tanja Bischof und Marcel Steurer zu einer Expedition
in den Himalaja. Das Ziel der Bergsteiger war einer der bekanntesten
und schönsten Berge von Nepal, der Ama Dablam. Dieser Berg gehört
in alpinisten Kreisen zu den technisch schwierigsten der Welt. Auf über
6000 Metern müssen schwierigste Kletterstellen gemeistert werden.
Um wenige Höhenmeter zu überwinden braucht man Stunden und
zudem kann man sich auf einer solchen Höhe nicht mehr erholen.
Der Ruswiler Bergführer Marcel Stei Steurer erzählt von seinen
Erlebnissen im Land der Sherpas.
Marcel Steurer
Eine Reise mit dem Flugzeug musste im Herbst 2001 trotz der grossen
Vorfreude nochmals überdenkt werden, vor allem wenn sie ins Nachbarland
von Pakistan führen sollte. Bereits im Flughafen von Zürich
- Kloten ertönte der Name Tanja Bischof aus den Lautsprechern der
Flughafenpolizei, sie musste sich sofort am Schalter melden. In unserem
Gepäck wurde ein Benzinkocher entdeckt, dieser war zwar komplett
leer und zerlegt, galt aber trotzdem als gefährliches Gepäckstück.
Tanja musste mit ihrer Unterschrift der Vernichtung zustimmen.
Zwanzig Stunden später kommen wir trotzdem in Kathmandu an und
unsere Reise geht sofort weiter. Ein Helikopter bringt uns nach Lukla,
dem Ausgangspunkt unserer Expedition. Lukla liegt am Anfang des Khumbu-Tals,
von hier startet auch der berühmte Everest Treck zum Basislager
des Mount Everest. Dieses Tal ist vor allem von Sherpas besiedelt, ein
freundliches Arbeiter- und Trägervolk. Der buddhistische Glaube
ist stark verbreitet, es hängen überall Gebetsfahnen in den
schönsten Farben. In den Monaten Oktober bis Dezember herrscht
in dieser Gegend meist schönes aber eher kühles Wetter. Den
Sommer über ist Monsum-Zeit, so ist der Herbst am besten geeignet,
um die Khumbu-Region zu besuchen.
Das Trägervolk
An unserem ersten Tag werden wir überschüttet mit Neuem. In
Nepal ist alles anders als in der reichen Schweiz. Die Sherpas wohnen
in einfachen Hütten, die Toilette befindet sich im Strassengraben
und mehr als einfache Sandalen trägt kein Einheimischer an den
Füssen..
Ganz anders kommen wir Westeuropäer daher: In High Tech Klamotten
aus Corotex Material, mit bequemen Rucksäcken, Trekkingschuhen
mit Profilgummisohle und vielen Dollars im Sack.
Das Tragen des Gepäcks wird den Sherpas überlassen, jeder
Weisse hat nur einen kleinen Tagesrucksack. Das Sherpavolk ist ein Trägervolk,
seit jeher wir hier alles getragen. Lasten bis zu 80 Kilogramm transportieren
sie mit einem Tragriemen über den Kopf. Die Bergsteiger-Expeditionen
sind in den letzten Jahren eine wichtige Einnahmequelle geworden. Auf
dem Weg ins Basislager begleiten uns drei Träger. Während
dieser Zeit haben wir viel Spass miteinander.
Zermatt im Himalaja
Das Khumbu-Tal ist vergleichbar mit dem Wallis, wenn man vom Genfersee
bis nach Zermatt zu Fuss gehen müsste. Der grosse Unterschied liegt
aber in der Höhe, man ist hier von Anfang an auf über 3000
Metern unterwegs. Immer wieder kommen wir durch kleine Dörfchen
mit Herbergen, wo wir für zwei Franken übernachten können.
Die Hygiene ist aber nicht immer die beste, Vorsicht ist vor allem bei
rohem Gemüse und Wasser geboten.
Plötzlich steht am Weg ein Grenzposten mit bewaffneten Soldaten,
diese wollen aber nicht den Pass sondern das Permit für den Berg
sehen. In Nepal muss man für jeden Berg eine Gipfelgebühr
bezahlen, jene für den Ama Dablam kostet 3000 US Dollar.
Die grösste Ortschaft im Tal ist Namche Bazar, die letzte Möglichkeit
um einzukaufen, was man noch braucht oder vergessen hat. Sogar eine
Disco mit einer Bar ist hier auf 3600 Metern über Meer vorhanden.
Wir vergnügen uns aber erst nach der Rückkehr vom Berg, denn
während der Akklimatisation ist Alkohol nicht zu empfehlen, Kopfweh
bekomme ich allein schon der Höhe wegen. Wir erleben Namche Bazar
als das Zermatt des Himalaja
Etwas oberhalb des Dorfes gibt’s einen bekannten Aussichtspunkt,
und auf einmal stehen sie vor uns - die Höchsten Berge der Welt.
Der Everest, daneben Lothse und Nupste. Am eindrücklichsten sieht
aber der alleinstehende Ama Dablam aus. Im ersten Augenblick kann ich
kaum mehr gehen, mir läuft es kalt den Rücken runter. Ich
sehe zum ersten mal die Dimensionen dieser Berge, es macht mir ein wenig
Angst.
Endlich im Bace Camp
Den Berg haben wir nun gesehen, trotzdem dauert es noch fünf Tage
bis zum Basislager. Der Weg geht immer rauf und runter, und in jedes
Seitental führt er hinein und wieder raus. Einfach unendlich und
immer mit dem Blick auf die Riesen zuhinterst im Tal. Eindrücklich
ist auch Tengboche, ein riesiges Kloster auf fast 4000 Metern. Von hier
erreichen wir in zwei Tagesmärschen unser Basislager unter dem
Ama Dablam. Es liegt auf einem schönen Hochplateau mit Wiesen,
auf denen die Yaks das letzte Gras fressen. Wir stellen unsere Zelte
auf und machen es uns gemütlich, hier soll ja für einige Zeit
unser Zuhause sein. Wir haben ein Schlafzelt und ein Küchenzelt.
Neben uns sind noch andere Expeditionen mit ihren Zelten, Italiener,
Österreicher und Australier. Tagsüber ist es jeweils angenehm
warm, aber sobald die Sonne verschwindet, wird es bitter kalt. Meist
kommt bereits nachmittags Quellbewölkung auf und wir müssen
uns warm anziehen oder uns ins Zelt verziehen. Eine Art Toilette befindet
sich hinter einem kleinen Hügel, bei jedem Gang dorthin bin ich
ausser Atem, wir befinden uns schliesslich auf der selben Höhe
wie der Gipfel des Mont Blanc.
Akklimatisieren heisst einfach warten und vor allem viel trinken. Sportliche
Betätigung ist hier nicht nötig, der Körper muss sich
langsam an die Höhe gewöhnen. Nach einigen Tagen wird es uns
im Basislager aber doch langweilig, wir entschliessen uns zu einem Materialtransport
ins High Camp auf 5800 Metern. Es ist ein sehr langer Weg über
Moränen und Geröllfelder, später kommt noch schwierige
Plattenkletterei hinzu. In der Dämmerung kommen wir mit fürchterlichen
Kopfschmerzen ins Base Camp zurück, wir sind für diese Höhe
noch zu wenig akklimatisiert. Wir müssen uns nochmals einige Tage
gedulden.
Das Highcamp rückt näher
Im Basislager ist es kaum mehr auszuhalten, jede Nacht Temperaturen
um minus 20 Grad machen uns zu schaffen. Wir wollen unser Abenteuer
möglichst bald beenden, so beschliessen wir einen Gipfelversuch
zu starten. Am 12. November steigen wir wieder zum High Camp hoch, diesmal
wollen wir dort oben übernachten. Am morgen ist es etwas bewölkt,
wir entschliessen uns trotzdem, aufzusteigen. „Alles oder nichts“
heisst jetzt die Devise, wir wollen nicht mehr länger warten. Ein
Träger startet mit uns, er nimmt uns einiges Gewicht ab. Am frühen
Nachmittag kommt ein Schneesturm auf, wir schicken den Sherpa zurück,
sein Schuhwerk genügt bei diesen Verhältnissen nicht. Das
Gepäck (Zelt, Kocher, Benzin, Schlafsäcke, Isomatten, Essen,
Seile, Steigeisen, Pickel und die Kleider) müssen wir nun selber
tragen. Im Schneesturm auf fast 6000 Metern mit 20 Kilogramm schweren
Rucksäcken kommen wir ans Limit. Die Kletterstellen unter dem High
Camp sind fast unüberwindbar, ein Zurück gibt’s aber
nicht mehr, es wird schon bald dunkel. Ziemlich erschöpft erreichen
wir das High Camp und kriechen so schnell wie möglich ins Zelt.
Ich versuche den Kocher zu starten um Schnee zu schmelzen, denn wir
haben Durst. Unser Benzinkocher ist aber unmöglich anzukriegen,
es ist alles vereist und verrusst, nach zwei Stunden gebe ich auf. Wir
müssen auf den kleinen Notkocher ausweichen, der eigentlich für
einen Notfall am Berg gedacht ist. Damit kriegen wir gerade mal unsere
Trinkflaschen voll, für eine Suppe reicht es auch noch knapp. Da
der Appetit aber ohnehin nicht allzu gross ist, geben wir uns damit
zufrieden.
In der dunklen Nacht
Morgens um drei hör ich den Wecker, endlich kann ich aufstehen.
Geschlafen habe wir keine Minute. Die Höhe, die Kälte und
die Nervosität hielten uns davon ab. Jetzt der spannende Blick
vor das Zelt, was macht das Wetter? Klarer Himmel mit Mondschein. Wir
zwingen uns, ein paar gefrorene Riegel zu essen, zu trinken haben wir
nur sehr wenig . Vor dem Zelt ist es kalt. Wir ziehen sämtliche
Kleider an, montieren die Steigeisen und starten angeseilt in Richtung
Gipfel. Schon nach wenigen Metern geht die Kletterei los, es ist anstrengend
in der Dunkelheit, und der Neuschnee vom Vortag macht es nicht einfacher.
Wir kommen nur sehr langsam vorwärts, die schwierige Kletterei
fordert uns zu stark. Nach fast vier Stunden sind wir erst auf 6000
Metern, es ist bereits acht Uhr, wir können unseren Zeitplan bei
diesem Tempo nicht einhalten. Tanja überredet mich, den Gipfel
alleine zu besteigen, sie wurde durch die Verhältnisse und das
wenige trinken zu stark belastet. Eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt
auch umdrehen, denn wir sind gemeinsam an diesem Berg. Sie fühlt
sich aber stark genug, um selber absteigen zu können, meistens
kann man ja abseilen.
Die Strapazen machen sich bemerkbar
Wir trennen uns, ich habe noch 800 Meter steile Kletterei vor mir.
An den steilsten und schwierigsten Stellen befinden sich alte Seile,
die andere Expeditionen zurückgelasse haben. Ich darf mich nicht
einfach an den Seilen hochziehen, man weiss ja nie, wie alt sie sind
und ob die Verankerung noch hält. Vollste Konzentration ist hier
gefragt, jeder Fehler hätte schlimmste Folgen. Ich bin ganz allein
am frisch verschneiten Ama Dablam, auf einer Höhe, wo keine Rettung
mehr möglich ist, denn kein Helikopter kommt so hoch hinauf. Die
Höhenkrankheit ist ein zusätzliches Risiko, ich muss mich
selber beobachten und kontrollieren. Der Vorteil ist aber, dass ich
mein eigenes Tempo gehen kann. Ich komme gut vorwärts, kurz vor
elf Uhr erreiche ich einen überhängenden Bergschrund, das
letzte grosse Hindernis vor dem Gipfel. An einem Fixseil kann ich aber
auch diese Stelle überwinden, jetzt nur noch 200 Meter durchhalten.
Es ist ein gutes Gefühl, nach über drei Wochen Kampf und Entbehrung
auf einem solchen Berg zu stehen. Der Blick zu Everstet und Lotse ist
gewaltig, aber noch beeindruckender ist der Tiefblick vom 6900 Meter
hohen Ama Dablam ins Tal. „Denk dran: wenn du auf dem Berg stehst,
hast du erst die Hälfte“, hat mir vor Tagen ein anderer Bergsteiger
gesagt. Ich weiss also, was ich noch vor mir habe. Ich habe meine Kräfte
schon im Aufstieg eingeteilt, immer mit dem Gedanken „Abstieg“.
In diesem schwierigen Gelände brauche ich fast gleich viel Zeit
für runter, wie ich rauf gebraucht habe. Am Ende meiner Kräfte
erreiche ich kurz vor dem Einnachten das Zelt. Tanja erwartet mich mit
einer Suppe, die sie mit dem letzten Gas für mich gekocht hat.
In dieser Nacht fällt mir das Schlafen nicht mehr so schwer wie
in der Nacht davor.
Erholung am Meer
Am nächsten Morgen weckt uns die Sonne im Zelt, wir packen all
unser Material und machen uns an den Abstieg ins Base Camp. Tanja hat
keine Lust mehr auf einen späteren Gipfelversuch. Getrunken haben
wir in den letzten beiden Tagen fast nichts, ich kann kaum mehr geradeaus
gehen. Zurück im Base Camp betteln wir bei der Italiener Expedition
um Wasser, dies bekommen wir zur Genüge und werden gleich noch
zu einer Pizza eingeladen. Unser Ziel ist es, möglichst schnell
nach Kathmandu an die Wärme zurück zu kommen.
Nach ein paar Tagen in der lärmigen Hauptstadt reisen wir noch
drei Wochen mit dem Motorrad durch Nepal. Wir kommen durch Dörfer
und Orte, in die sich im Jahr wohl kaum mehr als 30 Weisse verirren.
Mit vielen schönen Errinerungen verlassen wir am Samichlaustag
das Land in Richtung Thailand. Wir erholen uns am Strand beim Klettern
und Baden, und genügend zu Trinken gibt’s hier auch.
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